Nov 032016
 

boot_16_SC24_Bug_1800Auf der boot in Düsseldorf reckte im Januar die brandneue Seascape 24 keck ihre Nase in den Besucherstrom und viele, viele Segler schauten sich das jüngste Design aus der Feder von Sam Manuard genauer an. 24 Fuß, 4 Koje, kein großer Schnickschnack unter Deck, dafür ein leichter, leistungsfähiger Rumpf, der in Slowenien von einer noch jungen Werft gebaut wird, die sich mit der SCC 18 und SCC 27 ein guten Ruf erarbeitet hat.

Seascape 24, Cockpit, boot, Düsseldorf, Photo © Sailinganarchy.de, 2016Kurz, eine kleine, seetüchtige Yacht, die schnelles und sicheres Segeln einhand oder mit kleiner Crew oder Familie ermöglicht. Ein Markt, in dem sich z.B. auch die Bente 24 wohlfühlt und als im positiven Sinne „Low Budget Neuboot“ ihre Käufer sucht und findet.

Anarchist Patrese hatte nach seinem Silverrudder 2016 noch Zeit und nutzte diese für einen ausführlichen Probeschlage mit der SeaScape 24. Vielen Dank an Patrese für seine Zeit, Text und Bilder und Euch viel Spaß beim Lesen:

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Sportsboat, Einhandrakete oder einfach nur ein ein gelungener Allrounder? Nach dem Silverrudder hatte ich die Möglichkeit mit Andraz Mihelin (Werftgründer von Seascape, Minitransatveteran und umtriebiger Marketingboss ) einen Probeschlag mit der brandneuen Seascape 24 (SCC 24) zu machen, die auf Anhieb die Plätze 2 und 5 im SR2016 belegt hatten. Damit wäre schon mal bewiesen, das die neue 24 reichlich Potential beherbergt, denn unter den Geschlagenen waren nachgewiesenermaßen schnelle Vertreter der Klasse bis 25 Fuß, vom 20er Jollie über T24, M24, J70 bis Mini 6.50 also alles was in den letzten 15 Jahren so als „recht schnell“ galt.

Andraz „Bierwette“ mit mir vor dem Start musste als auf guten Erkenntnissen aus den bisherigen Testfahrten fußen, stand doch für ihn immerhin eine Kiste des Gerstensaftes auf dem Spiel, für den Fall, dass ich beide SCC24 schlagen würde. Und wer die Bierpreise im dänischen Königreich kennt, weiß was ich meine …

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Mit von der Partie waren noch die Entwickler des neuentwickelten „Gennacker Snuffers“ einer an Deck gefahrenen Setz- und Bergehilfe für Raumwindsegel ähnlich einer Spitrompete. Also bei einem schönen 3er raus aus dem Svendborger Haven und erst mal ein wenig nach Luv gekreuzt um Platz für die Testfahrt mit dem Snuffer zu haben.
Im Gegensatz zum Silverrudder waren wir diesmal mit rund 400 Kilo Lebendgewicht unterwegs und das Boot konnte seine immerhin 42 Quadratmeter Amwindsegelfläche voll entfalten. Das sind immerhin locker ein Drittel mehr Segel PS als eine M24 oder meine T24 in gleicher Konfiguration. Dies wird durch einen weit hinten stehenden Mast und einem echt beindruckenden (Mega-)Fat Head Großsegel erreicht.

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Wie die Regatta gezeigt hat scheint dessen Power aufgrund der hohen Formstabilität auch im Solomodus händelbar, zu mindestens für Experten wie Bjarne und Per. Die SC 24 zeigte aufgrund ihrer Doppelruderkonfiguration beindruckend Richtungsstabilität bei durchaus gesteigerten Krängungswinkeln, ohne merklich ausgebremst zu werden. Die Ruderanlage mit den gesteckten Blättern ermöglicht es zudem auch noch, dass luvwärtige Profil widerstandsoptimierend aufzuholen. Der Strömungstechniker als Bremser meinte allerdings noch Optimierungspotential in Sachen „Vorspur“ der Verbindungsstange ausgemacht zu haben, während der Werftchef auf den Kompromiss zwischen Upwind- und Downwind Einstellung beharrte …

Wer ein Sportboot wie eine J70/80, M24 oder meine T24 mit dem immer noch unübertroffenen Ruder-Feeling durch das rollengelagerte Blatt unter dem Boot gewöhnt ist, der wird anfänglich ein wenig „Bootsgefühl“ durch die verbundenen Doppelblätter vermissen. Andererseits hat das mit der Richtungsstabilität ja auch seine Vorteile, insbesondere wenn im Ein- oder Zweihandbetrieb mal mehrere Sachen gleichzeitig zu tun sind. Auf alle Fälle erklärt sich mir jetzt, wie Bjarne im kleinen Belt seinen Code 0,5 trotz gefühlten 45 Grad Krängung fahren konnte und dennoch 0,1-0,3 Knoten auf uns gut machte, die wir bei derlei Schräglage längst abgeflogen wären und daher bei den „weißen Segeln“ bei 10-12 Knoten und 60 Grad TWA blieben.

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Zwischendurch konnte ich mir intensiv die „Wohnräume unter Deck“ anschauen und war doch ob des durch die Aufbaufenster lichtgefluteten Lebensraumes in einem „Sportsboat“ recht angetan.
Hier kann man auch mal –wenn man sich gut kennt- 2 Wochen Urlaub machen ohne gleich Platzangst zu bekommen und ständig Dinge umräumen zu müssen. Schlafgelegenheiten sind sowohl jeweils 2 vor und hinter dem Mast, wobei die Mitte vom Kasten für den gut durchdachten Schwenkkiel dominiert wird. Dieser platzfressende Kielkasten nimmt aber -anders als bei der SC27- die Flosse fast vollständig auf, womit der benötigte Tiefgang beim Anlanden nahezu auf das Maß der SC18 (die ja quasi als (Monohull-)Beachcat durchgeht).reduziert wird.

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Ebenso ist somit die Möglichkeit zum einfachen Slippen „vom- und auf den- Trailer“ gegeben, was zusammen mit dem leichten, auf Deck stehenden Karbonmast durchaus Kosten- und Handlingsvorteile für diejenigen bringt, die keinen kostenlosen Kran jederzeit zu Verfügung haben. Ist schon ein Unterschied ob die Schüssel in Kiel für 20 oder 160 Euronen in und aus dem Wasser kommt …

slippensc24
Zur Kabine kann ich mir leider eine kritische Meinung zur Form des Aufbaus nicht verkneifen… Wer weiss, dass ich mein Schiff hauptsächlich ob seiner „schönen Linien“ gekauft habe, kann eventuell verstehen das ich hier zusammen mit Bootsdesigner Thomas Wiberg einer Meinung bin, das das „Doghouse“ in seiner Formgebung und Größe ein wenig polarisierend ist (Thomas als Yachtdesigner hatte dafür etwas herbere Worte).  Aber hier muss wohl der Satz „.. über Geschmack lässt sich nicht streiten“ gelten, und von der Praktikabilität (Innenraumhöhe und Bedienung an Deck) kann man nicht meckern und das Boot soll ja auch ein echter Allrounder sein.

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Das kann man zu mindestens voll bestätigen, nachdem die Blase hoch ging und die SC24 standesgemäß ob der zusätzlichen 67 Quadratmeter beschleunigte, fiel wiederum die Leichtigkeit auf, mit der das Boot den –reichlichen- Druck in Geschwindigkeit umsetzt. Der Ansatz des Seascape Hausdesigner Sam Manuard durch hohe eingebaute Formstabilität und Doppelruder Boote zu schaffen, die ihren Besitzern ein maximales Maß an Segeltragzahl und „Verbindlichkeit an der Pinne“ geben und so auch mal ein überpowertes Segeln zu gewährleisten, ohne gleich divenhaft „abzuschmieren“ ist zukunftsweisend und geeignet, größere Gruppen von Seglern an leichte und reichlich betuchte Sportsboats heran zuführen. Apropos leicht: auch auf hartnäckiges Nachfragen bestand Andraz auf den rd. 950 kg Lebendgewicht der SCC 24 was jetzt angesichts des rd. 320 kg schweren Kiels, eines leichten, simplen Kohleriggs und der optimierten Innenausstattung bis zum Gegenbeweis vorerst stehenbleiben soll. Somit kann die Kiste auf einem Einachstrailer problemlos mit einem Golf getrailert werden und steht einer Melges 24 kaum nach, ist allerdings deutlich allroundtauglicher!

Bei so viel Licht gibt es natürlich für einen perfektionistisch veranlagten Anarchisten wie mich auch ein paar (kleine) Kritikpunkte die sich jedoch meistens mit wenig Aufwand beheben lassen. Mich störte z.B. dass das gut stehende North Vorsegel an Stagreitern hing, ich bevorzuge die Variante Reißverschluß auf Rollvorliek, um das häßliche Hängenbleiben der Schoten beim Gennackerhalsen zu vermeiden. Zudem ist das doppelt untersetzte Großfall für diese Bootsgröße nach meiner bescheidenen Meinung unnötig und erzeugt einfach nur viel Leinensalat beim Setzen und Bergen. Etwas Reibungsoptimierung und das geht auch ohne viel Gezerre und Aufbauwinsch. Bei mir ist da übrigens nur eine Umlenkrolle mit Curryklemme am Mastfuß und das flutscht einhand super. Manchmal ist weniger mehr.

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Bei der SC24 ist dagegen das Deckslayout recht konventionell mit 2 Aufbauwinchen für Fallen, Strecker und Genuaschoten. Mal von den sinnlosen Dingern auf den J/70 abgesehen, ein in den letzten Jahren eher aussterbendes Ausrüstungsteil bei schnellen Gleitkielern unter 24 Fuß, die meist mit einer 2:1 untersetzten Fockschot auskommen und sich die teuren „Kaffemühlen“ sparen. Allerdings sind 17 Quadratmeter Vorsegelfläche auf der SSC 24 mal 50% mehr als bei vorgenannten Sportbooten und die will auch von Ottonormalsegler dichtgeholt werden. Insofern gehen die Winschen in Ordnung und ab und an muss ja auch mal ein Crewmitglied in den Mast geholt werden, um Servicearbeiten zu erledigen.

Die Tauwerksausstattung der, im absoluten Serientrimm angetretenen, dänischen Fünftplatzierten war denn auch ein weiterer kleiner Schönheitsfehler, denn die Fallen waren eher Trimmleinen ob ihrer Dehnfähigkeiten. Und die Handfreundlichkeit der anderen Serienstrippen konnten den Schreiberling auch nicht so recht überzeugen, aber auch das ist so eines meiner Steckpferde und durch kleinere Spenden beim örtlichen Gottifredi Mafioso oder Liros-Dealer zu optimieren.

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Bleibt noch die Frage nach dem finanziellen Loch, die der Erwerb diese Allroundwunders in den Hosentaschen des Neueigners hinterlässt … So 60 Kiloeuro werden wohl für dieses „Ich kann fast alles und Du mußt dabei kein Profi sein..“ 24-Fuß Schnellboot mit versteckten Fahrtengenen inklusive Trailer segelbereit fällig. Aber die hohe Bauqualität rechtfertigt den Aufpreis zur weißen Allerweltsware und und wer mit Andraz 1 oder 2 Bier trinkt und selbst nach Slovienien fährt … Mit ein paar Komfort-Extras wie Kocher, Portapotty und den optionalen Stauhängeregistern würde ich mit dem Kumpel oder der Camping –geneigter-besseren Hälfte auch im Sommerurlaub auf die Ostseerunde gehen und hätte gar keine Sorgen ob der Seetauglichkeit trotz Segeltragzahl einer Rennyacht. Insofern ist das dann wohl die deutlich bessere Luxusversion der vielbeschriebenen BENTE 24. Und 10% schneller ist sie allemal. Also endlich das viel gesuchte Boot fürs Regattieren und Urlauben.

Als reine Rennsemmel ist sie viel zu schade und da gibt es mit der M24, der J/80 und der J/70 auch inzwischen vielfältige und bekanntere Vertreter. Aber das Silverrudder 2016 hat gezeigt, dass man mit der SeaScape 24 einhand durchaus ganz vorne mitmischen kann und das ist doch wohl für den Jungferneinsatz das größtmögliche Lob für eine Werft, die ein wenig an die Innovationsfreudigkeit von X-Yachts in deren Jugendjahren erinnert … Time will tell, Patrese.