Okt 142016
 

Mit etwas Verzögerung hier der 1. Teil des Berichts von Anarchist Patrese, der sich zu der größten Einhand Kielbootregatta hat locken lassen.

Nach meinem wirklich erhellenden Sommertörn mit JYNX, einem für Fahrtensegeln eher ungeeigneten Sportsboot, keimte in mir Ende August 2015 die Suche nach der „nächsten“ Herausforderung.

Von ein paar Quellen hatte ich von dieser Veranstaltung gehört, die vor ein paar Jahren 12 segelverrückte Dänen einberufen hatten, bei der man, egal mit welchem Boot, egal wie, einmal um die Insel Fynen segelt und das ALLEINE und NONSTOP! Und das Beste war, daß die, die das Martyrium im letzten Jahr mitgemacht hatten, es irgendwo zwischen Geil bis Superhammermega fanden! Was war da los? Also schaute ich mir die Webseite an, ok 135 Meilen mehr oder weniger near- oder Offshore zwischen kleinem und großen Belt. Einige wie z.B. Platu Harry hatten beim Segeln sogar Bilder und Videos gemacht und man konnte den Schwund an Lebenskraft und Bewusstsein während der windigen SR 2015 schon erahnen, wenn man nur genau hinschaute. DAS war es!!! ICH auch 2016 … leider war bereits im Mai das Kontingent von 400!!! Startern ausgeschöpft und in der Nachrückerliste waren auch schon über 30. Egal, ich nahm Kontakt mit dem superfreundlichen Organisator Ole in Dänien auf und so etwa nach 2 Wochen und 10-15 Emails durfte ich mein Geld loswerden und mich offiziell zu den Anwärtern auf eins der begehrten „Finisher T-Shirts“, dass nur Skipper bekommen, die auch rum kommen, zählen.

Am Tag meiner Anreise (wohl bedacht 2 Tage vor dem Start zwecks Akklimatisierung an den Dänischen Spätsommer) waren dann nicht weniger als 431 Starter auf der Liste, womit es die weltgrößte Einhandregatta wurde! Die Trailerei war, verglichen mit einigen Anreisegeschichten auf eigenem Kiel, ein Klacks und nach 7 Stunden standen JYNX und ich am Kai in Svendborg und begrüßten schon die ersten Early Birds im Wasser bei 23 Grad Lufttemperatur. Flugs die Palme aufgerichtet und das Boot für den nächsten Tag kranfertig gemacht und schon zog ein kleiner Haufen Solisten auf in die nächste Kneipe, wo sie gleich von bierseeligen Dänen UND Däninnen!!! vereinnahmt wurden. Einen Ortswechsel weiter trafen wir auf weitere „Einzelkämpfer“, die aber, wie fast alle anderen hier Angetretenen, als deutlich sozialkompartibler einzustufen sind als einige Crews bei „normalen“ Regatten, die am Abend lieber unter sich bleiben und erst wieder am nächsten Morgen auf der Bahn auftauchen …

Silverrudder 2016 - Ankunft im Hafen Svendborg - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Ankunft im Hafen Svendborg – Photo © Patrese

Am Donnerstagmorgen war nicht nur die Orga früh aufgestanden, sondern auch der Oberkranmeister schon um 9:00 in seinem Element und bevor ich auch nur meinen Heißstropp angeschlagen hatte, wurde die erste X79 direkt über mich hinweg geliftet, um das Ganze zu beschleunigen. Der Mann war sein Geld wirklich wert! Nur das ich von ihm beim Rauskranen erfuhr, das er die 4 Tage Krandienst als Sponsorleistung erbracht hatte und schon etwas auf dem Zahnfleich ging ob der Millionen an Bootswerte, die ,von besorgten Eignern kritisch beäugt, zwischen Land und Wasser hin und her pendelten. Für nächstes Jahr sollten wir ein paar „Sachspenden“ für ihn mitbringen, denn den müssen wir uns erhalten!
Ich nutze den Tag dann um ausgiebige Revierkenntnis zu erlangen und alle Flachs und Stromecken den west- und östlichen Svendborg Sundes zu erkunden und um meine Einhandskills wieder zu schärfen. DAS sollte sich beim Rennstart auszahlen, denn wie man schon auf den Bilden vom letzten Jahr sehen konnte, ist es hier selbst für Wannsee-trainierte Haudegen extrem FLACH, ENG und STRÖMIG und bei 60-80 Startern pro Gruppe mit Genni Einhand nicht gerade Kaffesegeln!
Am Nachmittag gab es noch stichprobenweise Sicherheitskontrollen, denn trotz der sehr beschränkten Regeln des SR (ISAF RR standen NICHT auf der kurzen Liste) wurde die Sicherheit, um die sich aber jeder selbst zu kümmern hatte, hochgehalten. Am Abend kamen wir alle in der großen Halle zusammen und klönten, tranken und diskutierten letzte Tricks, während auf der Bühne so eine Art Skippersmeeting statt fand … na ja oder so ähnlich, das meiste war auf Dänisch und ich kann den Inhalt hier nicht wiedergeben. Leider fiel die angekündigte Revier-, Wetter-, Wind- und Strom-Unterweisung aus unbekanntem Grund aus, leider war auch der Caterer kurzfristig verhindert, so dass wir ziemlich früh (auch ob der Startzeit ab 8:00) auf den Schiffen verschwanden, letzte Vorbereitungen machten oder einfach den Streberschlaf schliefen, der sich aber noch als nützlich erweisen sollte.
D-Day Freitag um 6:00, ich war schon eine Stunde wach und draußen dämmerte es langsam und der Hafen erwachte. Die Klassen waren von Klein nach Groß unterteilt und wurden halbstündlich zur Entzerrung des Feldes ab 8:00 gestartet – na ja fast – denn nach dem Auslaufen gegen 7:00 konnte man eine wunderschöne, in Morgenrot getauchte Landschaft sehen und der Sund lag wie gegossen da. Leider in Blei gegossen, denn es herrschte absolute Flaute. Ich hatte schlauerweise (oder aus Faulheit) meinen kleinen Honda BF2.3 bemüht und damit bestimmt auch den letzten im Hafen geweckt. Aber jetzt zeigte sich seine Stärke, nämlich 950 Kilo Boot auch ohne einen Fatz Wind in der Startarena zu halten, obwohl das Wasser mit 2,5 Knoten durch den Sund rauschte…WTF! Nach ein paar Runden zur Taktikplanung holte ich ca. 8 Minuten vor dem geplanten Start – ebenso wie die meisten anderen – mein Ankergeschirr (Teil der Sicherheitsausrüstung!!) raus und legte mich nahe dem Ufer ca. 15m hinter die Linie in den Strom.

Silverrudder 2016 - Ankerlieger bei der Startlinie - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Ankerlieger bei der Startlinie – Photo © Patrese

Ankündigung, Vorbereitung, Startschuß… immer noch kein segelbarer Wind, aber ich war in meinem Leben wohl 15 Minuten nach dem Start einer Regatta noch nie so ruhig mit immerhin 2,5 Knoten auf dem Speedo ….
Aber da war ja noch das Damoklesschwert der Disqualifikation für alle, die es nicht innerhalb von 20 Minuten über die Linie schaffen würden, und das bei dem getriebenen Aufwand! Und jetzt wurde es kreativ, da RR und Regel 42 nicht drohten, fingen die ersten mit den kleinen Booten an, die Anker zu lichten und versuchten sich schaukelnd und an der Mole abschubsend über die rettende Linie zu „Segeln“, was zu recht bizarren Situationen führte, die aber für die folgenden 135 sm natürlich unbedeutend war…
Der Autor, sportlichen Bemühungen immer aufgeschlossen, meinte einen Windhauch in den natürlich einschließlich Genacker gesetzten Segeln zu spüren (der natürlich nicht da war..) und versuchte so mit Hilfe des Paddels sein Glück. Was leider 100 Meter weiter im Fahrwasser und 50 m weiter hinten wieder mit dem Anker beendet wurde, aber immerhin wichtige Sendeminuten im Livestream brachte!
Aber dann ging die Show erst richtig los! Denn die zweite Gruppe von rund 60 Boote wollte ja auch starten und versammelte sich hinter der Linie um es ein wenig kuscheliger zu machen. Auch sie kamen nicht weg, aber dann kam die AERO-Fähre! Keine Ahnung, was sich deren Kapitän am Morgen reingezogen hatte, aber er hielt mit 5000 Tonnen und 12 Knoten wild hupend einfach mal so auf unser Starterfeld drauf. Und das bereits von 2 Seemeilen Entfernung ohne auch nur im entferntesten Kurs oder Geschwindigkeit zu ändern. Wer schon mal auf Kollisionskurs mit einem Wannseedampfer war kennt bestimmt diese Machtlosigkeit in einem kleinen Segelboot, aber hier war die Bedrohung 15 mal Größer, komplett rücksichtslos und vor allem lagen wir VOR ANKER (für die Bedenkenträger: natürlich hatte KEINER einen Ankerball oben!).
Nachdem ich ca. 2 Minuten mit den Armen das internationale Notsignal gegeben hatte – ohne das irgendeine Reaktion zu sehen war – blieb mir eigentlich nur der Notfallplan zu springen und mit der Strömung vermutlich direkt ins Schraubenwasser getrieben zu werden. Aber vorher holte ich meinen Signalschießer aus dem Notfallset und zielte auf seine Brücke! Und bevor ich ins nasse Grab gegangen wäre, hätte ich ihm das ganze Magazin auf seine Brücke gefeuert und Silvester wäre vorgezogen worden! Ob er mich nun gesehen hat oder was es nun war, wissen vermutlich nur die Götter, jedenfalls ca 20 Sekunden vor der sicheren Versenkung drehte er hart nach Backbord und passierte uns knappest mit unverminderter Geschwindigkeit. Übrigens ist das auf Bild 12 der YACHT Fotostory und bei Minute 48 oder so auf dem Livestream schön zu sehen, falls mir jemand maßlose Übertreibung unterstellt.

Silverrudder 2016 - Action an der Startlinie - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Action an der Startlinie – Photo © Patrese

Während dieser Aufregung hatte sich unbemerkt ein wenig Wind von hinten angeschlichen und plötzlich sagte mein Ankernachbar „Hey du fährst!..“ und ich bemerkte wie JYNX nach vorne am Anker zu ziehen begann und Fahrt über Grund machte. Also fix wie nix das Grundeisen aus dem Sund gerissen und der Nebenlieger fiel tatsächlich zurück während wir unter AP und Raumwindbesegelung Richtung Startlinie unterwegs waren, rund 45 Minuten nach dem Schuß. An das Zeitlimit dachte ich längst nicht mehr und es wurde dann vernünftigerweise auch von niemandem mehr thematisiert im Laufe der Veranstaltung , wir hatten also eine REGATTA.
Raus aus dem Sund mit ein paar Halsen gegen den Strom, ein wenig Flaute zwischendurch und etwas Nieselregen und, bedingt durch das Training am Vortag , fand ich als Führender meinen Weg raus in den Belt, knapp gefolgt von Segelgott Harry auf seiner Platu 25 und einem bayrischen Wiederholungstäter auf seiner gepimpten M24 (dazu später mehr). Am ersten Wegpunkt Thyros Rev hatte ich mir raumschots einen kleinen Vorsprung erarbeitet und halste direkt auf Steuerbord nach Norden, während die andern noch etwas weiter Richtung Fahrwassermitte segelten, was sich später als nachteilig erweisen sollte.

Nach ein paar Meilen mußte ich meinen Code 3 gegen den etwas bauchigeren Genni wechseln, aber weiter ging es Richtung Große Belt Brücke mit gutem Wind und gemütlichen 8-9 Knoten. Das Feld war in Lee oder hinter mir und den Teil des Kurses kannte ich noch aus dem Sommer. Dann schralte wie vorhergesagt der Wind (nur etwas zu früh) und wir wechselten alle auf Amwindbeseglung. Jetzt kam mir meine vorher geholte Höhe zugute und ich konnte mich noch ein Stück absetzen, um den angepeilten Durchfahrtspfeiler der Brücke anzuliegen.

Silverrudder 2016 - Gennakergang - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Gennakergang – Photo © Patrese

Hier muß jeder selbst pokern wie weit er nach Westen geht, ohne seinen Mast zu riskieren, da die Durchfahrt nach Osten höher wird, aber der Umweg auch größer und wer nominell mehr als 17 Meter über dem Wasser Masthöhe hat, sollte sogar die östliche Belt-Durchfahrt nehmen, was schon rd. 2 Meilen Mehrweg bedeutet. Dem Hörensagen nach sollen dennoch einige X35 Heizer unbeschadet im Westen durchgekommen sein, Versuch macht kluch, aber die Versicherung wird solche Torheiten bestimmt nicht bezahlen …

Weiter ging es hoch am Wind bis an die Nordostecke Fynens. Hierbei stellte sich raus, daß links unter Land immer besser war als rechts, obwohl weiter im Fahrwasser des Beltes der Strom stärker mitlief. Anhand der Trackerdaten konnte man nachher (wie immer ist man dann schlauer) sehen, daß Morten im Mini und Platu Harry satte 15 Minuten gewonnen haben, allerdings, und da war er: der Pferdefuß, bei den fälligen Kreuzschlägen nach Fyns Hovet satte 30 Minute auf uns verloren. Netto also 15 Minuten Gewinn für mich und den stark aufkommenden 20er Jolli der a) den kürzeren Brückenkurs aufgrund seiner Mastlänge nutzte und b) einfach unter Land saugut lief.

Aber so war das beim SR 2016, jeder hatte seinen Sweetspot irgendwo auf dem Kurs, doch gewinnen konnte nur der – wie ex Minitransatsegler Anraz Mihelin beim super gemachten Prebriefing mit allen Seascape Kunden des SR – der es am meisten wollte! Und ich wollte, also hing ich mich in bester Melges 24 Crew Manier mit dem Oberkörper waagerecht nach Aussen und steuerte hinter dem Rücken und presste so noch zusätzliche 2 bis 3 Zehntel am Wind heraus und konnte sogar die Melges 24 von SR Mehrfachtäter Wolfgang mit mehr Speed überlaufen.- Später erfuhr ich von ihm, daß er ein Wasserballastsystem mit 200 Litern pro Seite eingebaut hat…. Wie lang ich so hing? Also beim Rennen fiel es mir ob der Adrenalinausschüttung gar nicht so auf, aber beim nachträglichen Reüssieren stellte ich fest, daß von der Beltbrücke bis Fredericia hoch oben im Nordwesten ein am-Wind-Kurs war und es wohl locker 12 Stunden laut Tracker waren….. Das erklärt auch den „etwas lädierten Rücken“ in den 4 Tagen nach dem Rennen, aber GEIL war es trotzdem.

Teil 2 des Berichtes folgt am Montag, versprochen!

  One Response to “Warum Männer auf See gehen – Silverrudder 2016”

  1. […] Patrese hatte nach seinem Silverrudder 2016 noch Zeit und nutzte diese für einen ausführlichen Probeschlage mit der SeaScape 24. Vielen Dank […]

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