Okt 172016
 

Wie versprochen heute den zweiten Teil des Silverrudder Beitrages von Anarchist Patrese, den es für Einhandselbsterfahrungstrip von Berlin nach Dänemark gezogen hat, viel Spaß und vielen Dank an Patrese für Text und Bilder!

Nachdem ich also nun knapp hinter „South Westerly“ auf die 30 Meilen Kreuz ging, und die Ostsee sich zwar wunderschön im Abendrot, aber auch mit reichlich Wind und noch schlimmer, mit heftigen Schlaglöchern zeigte, wich ich von meiner Taktik ab und folgte dem Feld nach links ins ruhigere Wasser der Bucht auf dem Weg nach Aebelö. Als das am weitesten rechts platzierte Boot würde ich immer noch von dem vorhergesagten weiter auf rechts Drehen des Windes profitieren und hätte dennoch meinen Gegner im Blick, um mich weiter zu motivieren. Beim ersten Crossing hatte ich schon gut auf den Jollipiloten aufgeholt und so hielt ich ihn mit taktischen Wenden immer zwischen mir und dem Land. Was dann auch bei der nächsten Begegnung zu einer knappen Führung reichte. Weitere 2 Unterwendungen später hatte er scheinbar aufgegeben und fiel beim Einbruch der Dunkelheit auf dem Tracker immer weiter zurück, bis wir zum Bergfest in der Finsternis Aebelö passierten.

Silverrudder 2016 - Kurskarte - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Kurskarte – Photo © Patrese

So langsam hatten die nach uns gestarteten Gruppen aufgeschlossen und anhand der unendlich zahlreich erscheinenden roten, grünen und weißen Lichter konnte man die Größe des Feldes erahnen, mußte aber bei totaler Dunkelheit aufpassen, um nicht von jemandem überfahren zu werden, da auf jedem Boot halt nur einer war, der alles machen musste und nach 14-16 Stunden wird man so langsam müde.

Nun kam für mich „undiscovered country“, da ich Fredericia und den kleinen Belt bis dato noch nicht bereist hatte und jetzt mit ein paar hundert Piloten auf „anti-Einschlaf-Drogen“ segelte, die alle nur eins wollten: SCHNELLER!
Ich lag laut Tracker rund einen Kilometer vor den anderen und hatte meinen Vorsprung in den letzten 7 Stunden stetig ausgebaut ,was mir Vertrauen in meine bisherigen Entscheidungen gab und die Hoffnung weckte, an erster Stelle bis ins Ziel zu segeln, da es schließlich nach der Enge nur noch auf Backbord Halbwinds nach Hause ging.
Querab von Fredericia wurde ich gegen halb eins von einem auslaufenden KüMo erstmal mit 2 Suchscheinwerfern „ausgeleuchtet“, scheinbar war er ob der hunderten von Radarechos „leicht nervös“, verhielt sich aber vorbildlich. Ein zweiter folgte kurz danach, war für die Jungs bestimmt auch ein Erlebnis, denn AIS Sender hatte aus den ersten Gruppen bestimmt nur die wenigsten.
Also mit Schwung durch die erste Brücke um dann ob der mangelnden Revierkenntnis, an der zweiten Brücke zu schwächeln und auf Wolfgang wichtige Meter zu verlieren und die ersten Flautenlöcher zu testen…
Nach der Linksbiegung erwischte ich ein wenig Wind und glitt mit 5 bis 6 Knoten bei glattem Wasser und klarem Sternenhimmel wie bei einer Berliner 60 Seemeilen Nacht durch die engen Schluchten hinter Middlefahrt . Die Gegner waren jetzt in der Flaute zwischen den Brücken und ich vergrößerte meinen Vorsprung wieder auf 3 Kilometer oder rund 45 Minuten.
„Der Drops ist doch jetzt gelutscht…“ dachte ich, den kleinen Belt schon in Sichtweite und den Pokal schon vor meinen Augen. Und dann kam das Ungeheurer in Form eines MEGAPARKPLATZES querab von Faenö.
Innerhalb von 1,5 Stunden verlor ich 60 Minuten auf die 3 Boote, die im Ziel vor mir lagen, also Harry mit der Platu, Bjarne mit der sauber gesegelten Seascape 24 und Vorjahressieger Morten mit dem Mini. Alle drei waren nicht einmal direkt hinter mir, sondern lagen so auf den Plätzen 4 bis 7 vor meiner Parkaktion.
Dabei war die Flaute nicht mal das Entscheidende, sondern die vielen Dutzend großen Boote, die mit dem letzten Windfatz von hinten heran glitten und um mich herum mit doppelt so hohen Masten einparkten, mich in ihrem Pulk verschluckten und mich hinten wieder ausspuckten.

Als der Wind gegen 4 Uhr wieder bei mir einsetzte, war das schier Unglaubliche geschehen und der Tracker führte mich nur noch als Dritten mit eine Meile Rückstand auf die Spitze. Wobei Harry noch in Middlefart in den Tracker-Ghost Mode gegangen war und er gegen halb drei plötzlich an meiner Bordwand auftauchte, um anschließend mit dem letzten Knoten Fahrt im Dunkeln zu verschwinden, während ich immer noch parkte …
Bei Sonnenaufgang hatte ich einen Tiefpunkt und mußte mich wieder aufraffen, um erst etwas zu essen und eine halbe Stunde später Kraft genug zu haben, Halbwinds nochmal den Kampf aufzunehmen. Aber es half nichts, ohne Code 0 wie ihn die beiden SC24 fuhren, blieben die Waffen stumpf und es war eine reine Prozession, halbwind 30 Meilen bei 10 Knoten Wind im Gänsemarsch die Küste entlang zu segeln, ohne taktische Optionen.
8 Meilen vor dem Ziel durften wir wieder die Raumwindsegel aus dem Sack holen und noch 1 Stunde bei traumhaften Bedingungen den Svendborg Sund hochzufahren, wobei ich nicht die 12 Halsen auf dem letzten Stück in dem engen Fahrwasser bis zur Brücke als belastend empfand, sondern bei 9-10 Knoten Speed im Flachwasser eher als Krönung einer unglaublichen Regatta.

Ein weiteres Highlight war die Brückenpassage 400m vor dem Ziel, als sich ein Luffe 42 Heizer unter großem Spi (sic!) an BB noch unbedingt an der XP44 (welche die Blase vorsorglich vor der Enge heruntergeholt hatte), vorbei pressen wollte. Ich halste wie wild in immer engeren Zyklen zwischen beiden den Genni hin und her, bis klar wurde, dass KEINER nachgeben und wir uns ALLE drei nebeneinander mit 8 Knoten durch die nur 50m breite Brückenpassage quetschen würden. Dummerweise passten meine gefahrenen Winkel mit deren 180 TWA ÜBERHAUPT NICHT zusammen und so beschloss ich, die letzte Halse 20 Meter vor der Brücke nur noch mit dem Genni zu machen und mit jeweils 5-8m Seitenabstand zu Beiden – in erzwungener Koexistenz – im Butterfly Style zwischen den Pfeilern hindurch zu rauschen. Was für ein Bild, leider fehlte mir die dritte Hand zum Fotografieren!
Ein paar Sekunden später im Ziel war dann der Stein, der mir vom Herzen fiel, zentnerschwer und ich barg das bunte Segel, um mir nicht den Platz in der ersten Reihe beim „Wie bekommt man Einhand den 120 Quadratmeter Spi einer Luffe 42 herunter, ohne ein Megafuckup zu haben“ zu verbauen. Um es kurz zu machen: ich weiß es noch immer nicht, denn der Skipper stand so unter Strom, dass er einfach alle Schoten los ließ und mich mit vom Wahnsinn verklärtem Blick anschaute, bis ich in den Hafen abbiegen musste. Keine Ahnung, ob er noch eine zweite Runde gedreht oder den AC Drop gemacht hat, bei dem das Fall gekappt und das Tuch für den Tender ins Wasser geworfen wird. Aber die XP an Steuerbord hat er noch bekommen…

Silverrudder 2016 - Dänisches Päckchen - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Dänisches Päckchen – Photo © Patrese

Mittlerweile war schon wieder perfektes Sommerwetter und so wurde nach dem fälligen Aufklaren auf Schlaf, bis auf ein 10 Minuten Nickerchen auf denn Holztribüne vor dem Schiff, bei dem ich eigentlich nur meinen Rücken dehnen wollte, aber vom Hafenmeister geweckt wurde, um mein Boot umzulegen, einfach weggelassen.

Auch die Jungs vom Hafenmeisteramt haben einen Megajob gemacht, alle Boot auf klassische Dänische Art ohne irgendwelche Streßfaktoren im Svendborger Hafen unterzubringen! Ganz großes Kino! Applaus.
Es gab ja auch viel zu erzählen, schon war es Abend und ich ging mit der Seascape Gang zu dem Hamburger-Laden von dem ich auf der Kreuz am Vorabend geträumt hatte und ließ 300 Gramm glückliche dänische Kuh samt Brötchen und Salat in meinen Magen gleiten… Sex könnte nicht besser sein!
Gegen Neun gingen wir nochmal am Orga Schuppen vorbei, ohne irgendwelche größeren Aktivitäten zu sehen und danach erinnere ich mich nur noch an 10 Stunden Schlaf am Stück.

Sonntagmorgen dann – schon wieder geiles Sommerwetter – wurde meine Frage nach dem Zeitpunkt der Preisverteilung mit einem banalen: „Die war doch gestern Abend….“ beantwortet…. Bitte???.
Tja, das war neben dem nicht ausgegebenen „Finisher Shirt“ (welches nach längeren Diskussionen jetzt aber doch aufgelegt wird), der einzige echte Negativpunkt. Hatte die Challenge-Leitung die Teilnehmerinformation doch ein wenig vernachlässigt und sich so um den Spaß gebracht, mit allen einen Megaabend zu feiern. Na ja, es muss ja noch Raum für Verbesserungen wie z.B. einen SMS Info Service bleiben, aber die Regatta war einfach „unfuckingbelievable geil“.
Also melden (ab November), irgendein Boot einpacken, seine persönlichen Gegner aussuchen und 135 Meilen gegen den inneren Schweinehund kämpfen! Dann wisst ihr, warum im nächsten Jahr vielleicht schon 500 Verrückte dieses Rennen gegen sich selbst segeln und die gesparten Kosten für Crewbespassung in neue Segel oder eine weitere Einhandregatta investieren.

Patrese

Okt 142016
 

Mit etwas Verzögerung hier der 1. Teil des Berichts von Anarchist Patrese, der sich zu der größten Einhand Kielbootregatta hat locken lassen.

Nach meinem wirklich erhellenden Sommertörn mit JYNX, einem für Fahrtensegeln eher ungeeigneten Sportsboot, keimte in mir Ende August 2015 die Suche nach der „nächsten“ Herausforderung.

Von ein paar Quellen hatte ich von dieser Veranstaltung gehört, die vor ein paar Jahren 12 segelverrückte Dänen einberufen hatten, bei der man, egal mit welchem Boot, egal wie, einmal um die Insel Fynen segelt und das ALLEINE und NONSTOP! Und das Beste war, daß die, die das Martyrium im letzten Jahr mitgemacht hatten, es irgendwo zwischen Geil bis Superhammermega fanden! Was war da los? Also schaute ich mir die Webseite an, ok 135 Meilen mehr oder weniger near- oder Offshore zwischen kleinem und großen Belt. Einige wie z.B. Platu Harry hatten beim Segeln sogar Bilder und Videos gemacht und man konnte den Schwund an Lebenskraft und Bewusstsein während der windigen SR 2015 schon erahnen, wenn man nur genau hinschaute. DAS war es!!! ICH auch 2016 … leider war bereits im Mai das Kontingent von 400!!! Startern ausgeschöpft und in der Nachrückerliste waren auch schon über 30. Egal, ich nahm Kontakt mit dem superfreundlichen Organisator Ole in Dänien auf und so etwa nach 2 Wochen und 10-15 Emails durfte ich mein Geld loswerden und mich offiziell zu den Anwärtern auf eins der begehrten „Finisher T-Shirts“, dass nur Skipper bekommen, die auch rum kommen, zählen.

Am Tag meiner Anreise (wohl bedacht 2 Tage vor dem Start zwecks Akklimatisierung an den Dänischen Spätsommer) waren dann nicht weniger als 431 Starter auf der Liste, womit es die weltgrößte Einhandregatta wurde! Die Trailerei war, verglichen mit einigen Anreisegeschichten auf eigenem Kiel, ein Klacks und nach 7 Stunden standen JYNX und ich am Kai in Svendborg und begrüßten schon die ersten Early Birds im Wasser bei 23 Grad Lufttemperatur. Flugs die Palme aufgerichtet und das Boot für den nächsten Tag kranfertig gemacht und schon zog ein kleiner Haufen Solisten auf in die nächste Kneipe, wo sie gleich von bierseeligen Dänen UND Däninnen!!! vereinnahmt wurden. Einen Ortswechsel weiter trafen wir auf weitere „Einzelkämpfer“, die aber, wie fast alle anderen hier Angetretenen, als deutlich sozialkompartibler einzustufen sind als einige Crews bei „normalen“ Regatten, die am Abend lieber unter sich bleiben und erst wieder am nächsten Morgen auf der Bahn auftauchen …

Silverrudder 2016 - Ankunft im Hafen Svendborg - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Ankunft im Hafen Svendborg – Photo © Patrese

Am Donnerstagmorgen war nicht nur die Orga früh aufgestanden, sondern auch der Oberkranmeister schon um 9:00 in seinem Element und bevor ich auch nur meinen Heißstropp angeschlagen hatte, wurde die erste X79 direkt über mich hinweg geliftet, um das Ganze zu beschleunigen. Der Mann war sein Geld wirklich wert! Nur das ich von ihm beim Rauskranen erfuhr, das er die 4 Tage Krandienst als Sponsorleistung erbracht hatte und schon etwas auf dem Zahnfleich ging ob der Millionen an Bootswerte, die ,von besorgten Eignern kritisch beäugt, zwischen Land und Wasser hin und her pendelten. Für nächstes Jahr sollten wir ein paar „Sachspenden“ für ihn mitbringen, denn den müssen wir uns erhalten!
Ich nutze den Tag dann um ausgiebige Revierkenntnis zu erlangen und alle Flachs und Stromecken den west- und östlichen Svendborg Sundes zu erkunden und um meine Einhandskills wieder zu schärfen. DAS sollte sich beim Rennstart auszahlen, denn wie man schon auf den Bilden vom letzten Jahr sehen konnte, ist es hier selbst für Wannsee-trainierte Haudegen extrem FLACH, ENG und STRÖMIG und bei 60-80 Startern pro Gruppe mit Genni Einhand nicht gerade Kaffesegeln!
Am Nachmittag gab es noch stichprobenweise Sicherheitskontrollen, denn trotz der sehr beschränkten Regeln des SR (ISAF RR standen NICHT auf der kurzen Liste) wurde die Sicherheit, um die sich aber jeder selbst zu kümmern hatte, hochgehalten. Am Abend kamen wir alle in der großen Halle zusammen und klönten, tranken und diskutierten letzte Tricks, während auf der Bühne so eine Art Skippersmeeting statt fand … na ja oder so ähnlich, das meiste war auf Dänisch und ich kann den Inhalt hier nicht wiedergeben. Leider fiel die angekündigte Revier-, Wetter-, Wind- und Strom-Unterweisung aus unbekanntem Grund aus, leider war auch der Caterer kurzfristig verhindert, so dass wir ziemlich früh (auch ob der Startzeit ab 8:00) auf den Schiffen verschwanden, letzte Vorbereitungen machten oder einfach den Streberschlaf schliefen, der sich aber noch als nützlich erweisen sollte.
D-Day Freitag um 6:00, ich war schon eine Stunde wach und draußen dämmerte es langsam und der Hafen erwachte. Die Klassen waren von Klein nach Groß unterteilt und wurden halbstündlich zur Entzerrung des Feldes ab 8:00 gestartet – na ja fast – denn nach dem Auslaufen gegen 7:00 konnte man eine wunderschöne, in Morgenrot getauchte Landschaft sehen und der Sund lag wie gegossen da. Leider in Blei gegossen, denn es herrschte absolute Flaute. Ich hatte schlauerweise (oder aus Faulheit) meinen kleinen Honda BF2.3 bemüht und damit bestimmt auch den letzten im Hafen geweckt. Aber jetzt zeigte sich seine Stärke, nämlich 950 Kilo Boot auch ohne einen Fatz Wind in der Startarena zu halten, obwohl das Wasser mit 2,5 Knoten durch den Sund rauschte…WTF! Nach ein paar Runden zur Taktikplanung holte ich ca. 8 Minuten vor dem geplanten Start – ebenso wie die meisten anderen – mein Ankergeschirr (Teil der Sicherheitsausrüstung!!) raus und legte mich nahe dem Ufer ca. 15m hinter die Linie in den Strom.

Silverrudder 2016 - Ankerlieger bei der Startlinie - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Ankerlieger bei der Startlinie – Photo © Patrese

Ankündigung, Vorbereitung, Startschuß… immer noch kein segelbarer Wind, aber ich war in meinem Leben wohl 15 Minuten nach dem Start einer Regatta noch nie so ruhig mit immerhin 2,5 Knoten auf dem Speedo ….
Aber da war ja noch das Damoklesschwert der Disqualifikation für alle, die es nicht innerhalb von 20 Minuten über die Linie schaffen würden, und das bei dem getriebenen Aufwand! Und jetzt wurde es kreativ, da RR und Regel 42 nicht drohten, fingen die ersten mit den kleinen Booten an, die Anker zu lichten und versuchten sich schaukelnd und an der Mole abschubsend über die rettende Linie zu „Segeln“, was zu recht bizarren Situationen führte, die aber für die folgenden 135 sm natürlich unbedeutend war…
Der Autor, sportlichen Bemühungen immer aufgeschlossen, meinte einen Windhauch in den natürlich einschließlich Genacker gesetzten Segeln zu spüren (der natürlich nicht da war..) und versuchte so mit Hilfe des Paddels sein Glück. Was leider 100 Meter weiter im Fahrwasser und 50 m weiter hinten wieder mit dem Anker beendet wurde, aber immerhin wichtige Sendeminuten im Livestream brachte!
Aber dann ging die Show erst richtig los! Denn die zweite Gruppe von rund 60 Boote wollte ja auch starten und versammelte sich hinter der Linie um es ein wenig kuscheliger zu machen. Auch sie kamen nicht weg, aber dann kam die AERO-Fähre! Keine Ahnung, was sich deren Kapitän am Morgen reingezogen hatte, aber er hielt mit 5000 Tonnen und 12 Knoten wild hupend einfach mal so auf unser Starterfeld drauf. Und das bereits von 2 Seemeilen Entfernung ohne auch nur im entferntesten Kurs oder Geschwindigkeit zu ändern. Wer schon mal auf Kollisionskurs mit einem Wannseedampfer war kennt bestimmt diese Machtlosigkeit in einem kleinen Segelboot, aber hier war die Bedrohung 15 mal Größer, komplett rücksichtslos und vor allem lagen wir VOR ANKER (für die Bedenkenträger: natürlich hatte KEINER einen Ankerball oben!).
Nachdem ich ca. 2 Minuten mit den Armen das internationale Notsignal gegeben hatte – ohne das irgendeine Reaktion zu sehen war – blieb mir eigentlich nur der Notfallplan zu springen und mit der Strömung vermutlich direkt ins Schraubenwasser getrieben zu werden. Aber vorher holte ich meinen Signalschießer aus dem Notfallset und zielte auf seine Brücke! Und bevor ich ins nasse Grab gegangen wäre, hätte ich ihm das ganze Magazin auf seine Brücke gefeuert und Silvester wäre vorgezogen worden! Ob er mich nun gesehen hat oder was es nun war, wissen vermutlich nur die Götter, jedenfalls ca 20 Sekunden vor der sicheren Versenkung drehte er hart nach Backbord und passierte uns knappest mit unverminderter Geschwindigkeit. Übrigens ist das auf Bild 12 der YACHT Fotostory und bei Minute 48 oder so auf dem Livestream schön zu sehen, falls mir jemand maßlose Übertreibung unterstellt.

Silverrudder 2016 - Action an der Startlinie - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Action an der Startlinie – Photo © Patrese

Während dieser Aufregung hatte sich unbemerkt ein wenig Wind von hinten angeschlichen und plötzlich sagte mein Ankernachbar „Hey du fährst!..“ und ich bemerkte wie JYNX nach vorne am Anker zu ziehen begann und Fahrt über Grund machte. Also fix wie nix das Grundeisen aus dem Sund gerissen und der Nebenlieger fiel tatsächlich zurück während wir unter AP und Raumwindbesegelung Richtung Startlinie unterwegs waren, rund 45 Minuten nach dem Schuß. An das Zeitlimit dachte ich längst nicht mehr und es wurde dann vernünftigerweise auch von niemandem mehr thematisiert im Laufe der Veranstaltung , wir hatten also eine REGATTA.
Raus aus dem Sund mit ein paar Halsen gegen den Strom, ein wenig Flaute zwischendurch und etwas Nieselregen und, bedingt durch das Training am Vortag , fand ich als Führender meinen Weg raus in den Belt, knapp gefolgt von Segelgott Harry auf seiner Platu 25 und einem bayrischen Wiederholungstäter auf seiner gepimpten M24 (dazu später mehr). Am ersten Wegpunkt Thyros Rev hatte ich mir raumschots einen kleinen Vorsprung erarbeitet und halste direkt auf Steuerbord nach Norden, während die andern noch etwas weiter Richtung Fahrwassermitte segelten, was sich später als nachteilig erweisen sollte.

Nach ein paar Meilen mußte ich meinen Code 3 gegen den etwas bauchigeren Genni wechseln, aber weiter ging es Richtung Große Belt Brücke mit gutem Wind und gemütlichen 8-9 Knoten. Das Feld war in Lee oder hinter mir und den Teil des Kurses kannte ich noch aus dem Sommer. Dann schralte wie vorhergesagt der Wind (nur etwas zu früh) und wir wechselten alle auf Amwindbeseglung. Jetzt kam mir meine vorher geholte Höhe zugute und ich konnte mich noch ein Stück absetzen, um den angepeilten Durchfahrtspfeiler der Brücke anzuliegen.

Silverrudder 2016 - Gennakergang - Photo © Patrese

Silverrudder 2016 – Gennakergang – Photo © Patrese

Hier muß jeder selbst pokern wie weit er nach Westen geht, ohne seinen Mast zu riskieren, da die Durchfahrt nach Osten höher wird, aber der Umweg auch größer und wer nominell mehr als 17 Meter über dem Wasser Masthöhe hat, sollte sogar die östliche Belt-Durchfahrt nehmen, was schon rd. 2 Meilen Mehrweg bedeutet. Dem Hörensagen nach sollen dennoch einige X35 Heizer unbeschadet im Westen durchgekommen sein, Versuch macht kluch, aber die Versicherung wird solche Torheiten bestimmt nicht bezahlen …

Weiter ging es hoch am Wind bis an die Nordostecke Fynens. Hierbei stellte sich raus, daß links unter Land immer besser war als rechts, obwohl weiter im Fahrwasser des Beltes der Strom stärker mitlief. Anhand der Trackerdaten konnte man nachher (wie immer ist man dann schlauer) sehen, daß Morten im Mini und Platu Harry satte 15 Minuten gewonnen haben, allerdings, und da war er: der Pferdefuß, bei den fälligen Kreuzschlägen nach Fyns Hovet satte 30 Minute auf uns verloren. Netto also 15 Minuten Gewinn für mich und den stark aufkommenden 20er Jolli der a) den kürzeren Brückenkurs aufgrund seiner Mastlänge nutzte und b) einfach unter Land saugut lief.

Aber so war das beim SR 2016, jeder hatte seinen Sweetspot irgendwo auf dem Kurs, doch gewinnen konnte nur der – wie ex Minitransatsegler Anraz Mihelin beim super gemachten Prebriefing mit allen Seascape Kunden des SR – der es am meisten wollte! Und ich wollte, also hing ich mich in bester Melges 24 Crew Manier mit dem Oberkörper waagerecht nach Aussen und steuerte hinter dem Rücken und presste so noch zusätzliche 2 bis 3 Zehntel am Wind heraus und konnte sogar die Melges 24 von SR Mehrfachtäter Wolfgang mit mehr Speed überlaufen.- Später erfuhr ich von ihm, daß er ein Wasserballastsystem mit 200 Litern pro Seite eingebaut hat…. Wie lang ich so hing? Also beim Rennen fiel es mir ob der Adrenalinausschüttung gar nicht so auf, aber beim nachträglichen Reüssieren stellte ich fest, daß von der Beltbrücke bis Fredericia hoch oben im Nordwesten ein am-Wind-Kurs war und es wohl locker 12 Stunden laut Tracker waren….. Das erklärt auch den „etwas lädierten Rücken“ in den 4 Tagen nach dem Rennen, aber GEIL war es trotzdem.

Teil 2 des Berichtes folgt am Montag, versprochen!

Jun 302016
 
Humphreys 22 - Cockpit - Kajüte - Photo © Eigner

Humphreys 22 – Cockpit – Kajüte – Photo © Eigner

Ein alter Bekannter aus den Zeiten der seeligen ISRA ist der jüngste Neuzugang in dem kostenpflichtigen Gebrauchtbootmarkt aus SailingAnarchy.de: Eine Humphreys H22, Standort Chiemsee, regattafertig ausgerüstet, 2 Satz Segeln, inklusive 1 Benzin AB und 1 gebremster Trailer, kurz, ein wirklich rundes Paket für Einsteiger in die sportlichen Kielbootklassen. Wer nicht länger auf eine J70 sparen möchte, dem kann ich dieses attraktive Angebot nur empfehlen!

Jun 252016
 

Die Kieler Woche wird auch in 2016 ihrem Ruf als größte Segelregatta der Welt gerecht: Wind, Flaute, Sonneschein, Regen, viele Yachten und Jollen auf dem Wasser und noch mehr Menschen in der Stadt, die essen, trinken, feiern und ab und an Boote gucken gehen. Online und im täglichen Livestream von Kieler Woche TV kann man auch als Binnenländer dieses Topevent bequem bei 35 Grad Celsius im klimatisierten Büro verfolgen.

Überraschend groß für ein Kielboot ist das Teilnehmerfeld der J70 Europameisterschaft, zu der 91 Boote! aus 15 Nationen! u.a. aus Chile, Rusland und Brasilien gemeldet haben. Die meisten Boote stellt die deutsche Flotte, aber offensichtlich ist noch nicht die Masse nicht in Qualität umgeschlagen; an der Spitze lagen nach 6 Wettfahrten Boote aus Monaco, Italien und Spanien. Auf Platz 4 folgt Pit Finis vom Düsseldorfer Yacht Club, bei dem Karol Jablonski in der Crewliste auftaucht und die sich im 6. Rennen eine Black Flagg holten 🙁  Dicht dran und unter den ersten 10 noch Christian Soyka vom SVI in Schleswig-Holtstein und Moritz Bohnenberger vom DTYC aus Bayern. Drücken wir die Daumen und hoffen, dass sich noch ein deutsches Team unter die Top 3 segeln kann.

Mai 272016
 

Die Wettfahrten zur ORC SBEC 2016 haben begonnen und am Donnerstag wurden 2 Rennen gesegelt. Leichtwind ist angesagt und die kleinen Booten kommen damit offenbar besser zurecht als die für Küste und mehr Wind optimierten Designs. Heute ab 12:00 Uhr stehen die Langstrecke auf dem Kurzzettel der Teilnehmer, hier als Einstimmung das Video vom 1. Tag der Europameisterschaft der Sportboote: